• Anna Hupe

Von wilden Tieren, Geistern und Piraten - Kindern bei Albträumen helfen


Es ist halb drei in der Früh. Ein kleiner Körper kommt in mein Zimmer gerumpelt, kriecht unter meine Decke, kuschelt sich dran: „Mama, ich hab schlimm geträumt.“ Kurz danach höre ich wieder ein Kinderschnarchen neben mir. Schon alles wieder gut.

Aber manchmal eben nicht. Dann sitzt der Schreck tief. So wie heute nacht: "Mama, ich war auch einem Spielplatz - ganz allein. Da war es schön. Aber dann kam eine Katze und die wollte mich fressen!"

In diesem Bild hing mein Kerlchen ganz tief drin und da half auch kein Arm, kein Kuscheltier, kein Schlaflied, da brauchten wir die Magie der Phantasie.


Vor allem wenn sich die Albträume häufen, dann ist es gut, ihnen auf die Schliche zu kommen und zu wissen, wie ich meinem Kind helfen kann, diese gut zu verarbeiten und gestärkt aus dieser Phase hervorzugehen.

Woher kommen Alpträume, was kann ich tun und wie vorbeugen? Davon erzählt dieser Artikel.



Woher kommen Albträume?


Zunächst sind schlimme Träume, Albträume erst einmal nichts Ungewöhnliches oder Besorgniserregendes im Kindesalter. Gerade in der Zeit zwischen zwei und sechs Jahren häufen sie sich, da sich in dem Alter sowohl das Gefühl der Angst als auch die Phantasie entwickeln.

Aber auch später sind Albträume bei Kindern kein Einzelfall. Oft werden sie ausgelöst durch ein bestimmtes Ereignis, vielleicht einen Film, eine Geschichte, die das Kind im Traum noch einmal verarbeitet. Den Schrecken durchlebt und irgendwie versucht, einzusortieren in sein Erlebnisspektrum.


Aber auch stressbedingt können Albträume auftauchen. Stressbedingt insofern, dass das Kind gerade mit besonderen Aufgaben / Herausforderungen konfrontiert ist. Das können Konflikte in der Familie oder im Kindergarten / Schule, Verlustängste, ein belastendes Erlebnis, Identitätskonflikte, Ablösungsprozesse… sein.

Wenn sich Albträumen nicht direkt mit einem Film oder einer Geschichte in Verbindung bringen lassen, dann lohnt es sich, Ursachenforschung zu betreiben. Aber das reicht am nächsten Tag. Also jetzt erst mal dem Kind helfen.




Wie kann ich mein Kind unterstützen?


1. Nähe hilft


Am besten im Bett der Eltern, das ist in der Regel ein sehr sicherer und wohliger Ort. Körperkontakt, vor allem, wenn das Kind zittert, weint oder wie außer sich ist. Halt geben ist in diesem Moment wichtig – auch mit dem Körper, so dass das Kind spürt: ah, hier bin ich. Das ist meine Mama / Papa. Hier ist mein Bauch, mein Arm… Wieder zu sich und seinem Körper findet. Auch das Kuscheltier, Schmusekissen, ein Zauberstein können wichtige sicherheitsspendende Elemente sein.



2. Lass dein Kind erzählen


Aber zwing es nicht dazu. Mein Sohn sagte neulich: „Mama, wenn ich von dem Albtraum erzähle, dann ist es so als wäre es wieder alles so.“ Also, nicht zwingen. Aber wenn dein Kind erzählt, dann höre gut zu – auch wenn es mitten in der Nacht ist. Der Inhalt des Traums kann dir Aufschluss geben, was hinter dem Traum steckt (Verbindung zu einem Film oder Buch oder ein innerer Konflikt)



3. Keine schnellen Lösungen, nicht wegreden


"Gespenster gibt es doch nicht!"

"Ach, du bist doch viel größer als eine Katze, wie soll die dich denn fressen?"

"Schau mal, unter dem Bett ist gar kein Monster."

Der Realitätscheck ist sicherlich gut und hilfreich, gerade wenn das Kind Angst hat, dass das Monster oder Gespenst aktuell im Zimmer sind. Aber wenn dies nicht der Fall ist, dann bitte nicht das Kind so aktiv in eine Lösung hinaus aus der Angst drängen.

Das wäre sonst so, wie wenn du in einen Haufen Hundekacke trittst und dann behauptest, dass es nicht nach Kacke riecht, sondern nach Erdbeeren.

Dein Kind steht gerade mitten in der Kacke. Es ist voll in der Angst. Es ist die Angst. Wegreden hieße nicht ernst nehmen und dann seid ihr beiden nicht mehr gemeinsam unterwegs auf der Suche nach einer Lösung für die Situation, sondern du ziehst in eine Richtung, in die dein Kind nicht einmal schauen kann in dem Moment.

Daher: Höre zu und fühl dich ein! Fühl dich in die Angst mit rein und dann:

Geht gemeinsam aus der Angst raus! Hand in Hand. So fühlt sich dein Kind sicher.



4. Den Traum weiter erzählen, ein gutes Ende finden:

Gemeinsam aus der Angst gehen funktioniert so, dass du anfängst, die Geschichte mit deinem Kind zu verändern. Du zapfst die Ressourcen deines Kindes an: Wenn es gern Ritter spielt, dann zieht es plötzlich im Traum sein Schwert und verjagd das Monster. Wenn es gern malt, dann nimmt es vielleicht einen Pinsel und malt das Gespenst mit einem Pinsel an, worauf das Gespenst einen Lachanfall bekommt, weil es furchtbar kitzlig ist. Wenn dein Kind insgesamt eher ängstlich ist, dann überlegt euch gemeinsam eine List, so wie die kleine Maus beim Grüffelo oder der Kaspar von Janosch, der einen Riesen foppt.

Vielleicht kann dein Kind die wildesten Schimpfwörter rauskramen und du gibst auch deine zum Besten oder ihr baut in der Phantasie eine Rutschbahn aus Popelmatsch, auf der die Räuber ausrutschen und in dieses besonders eklige Gemisch fallen, immer wieder hinfallen und schließlich Reißaus nehmen.

Bring ruhig ein bisschen Humor mit rein in die Geschichte. Gerade Lachen befreit ungemein und kann Ängste ganz schnell verjagen. Aber pass gut auf, dass du beim Kind bleibst in deinem Erzähltempo, dass du es auch wirklich mitnimmst.

Der beste Beweis, dass du richtig liegst ist, wenn das Kind plötzlich mitspinnt: "Oh ja, und dann nehm ich Anlauf und spring über die Katze drüber, so schnell kann die gar nicht gucken und dann hole ich meine Freund, der zieht sie am Schwanz und dann jagen wir sie davon!"

Freunde oder andere Helfer können gute Gefährten in der Geschichte sein, um den Traum zu wandeln. Gerade auch bei Kindern, die etwas unsicherer sind.

In der Regel schrumpft die Angst mit jeder weiteren Idee immer mehr in sich zusammen und dein Kind schläft mit einem breiten Grinsen und stolzgeschwellter Brust wieder selig ein. Wieder verbunden mit seinen Ressourcen und gestärkt durch das Erlebnis, der Angst ein Schnippchen geschlagen zu haben.


(dieser herrliche kleine Comic hing an meinem Therapiezimmer in der Rehaklinik Katharinenhöhe)



5. Die veränderte Traumgeschichte noch einmal aufgreifen


Wenn ihr wollt, dann könnt ihr am nächsten Tag die Geschichte noch einmal aufgreifen. Aber auch hier wieder die Devise: Die Dosis bestimmt das Kind. Wenn es nicht passt, dann nicht. Dann reicht es schon. Und wenn es passt, dann springt es drauf an und ihr malt vielleicht noch einen kleinen Heldencomic von dem Traum. Und hängt ihn vielleicht zur Abschreckung für alle möglichen Geister, Räuber oder sonst wen an die Kinderzimmertür.



6. Vorbeugung


Gerade wenn die Träume immer wieder vorkommen und das Einschlafen schon erschweren, weil sie schon im Vorfeld Angst machen, dann ist es gut, vorzubeugen. Was kann das sein? Gerade Vorschulkinder mit ihrem magischen Denken springen auf Zaubersteine an, Beschützerplüschtiere, Traumfänger, Sorgenpüppchen. Du kannst dich auch mit deinem Kind verabreden, wo ihr euch vielleicht im Traum treffen könntet - oder was ihr in euren Träumen unternehmen wollt. So kannst du mit deinem Kind eine schönes Bild entwickeln, was es mit in den Schlaf nehmen kann. Oder eine besonders schöne Idee einer Mutter aus meiner Mutter-Gruppe. Bei ihnen ist die Kleine Traumfee Luana eingezogen, tatsächlich haben sie eine kleine Tür an der Wand mit Moos und Körbchen, ganz liebevoll gestaltet. Sie kocht jede Nacht gute Träume. Und manchmal, ja manchmal, da schreibt sie sogar einen Brief.



7. Ursachenforschung


Gerade wenn sich Trauminhalte wiederholen oder ähnliche Träume sich häufen, ist es hilfreich, sich Gedanken zu machen, woher sie kommen könnten. Eine Möglichkeit ist, das Kind zu fragen. Manchmal ist vielleicht die so sehr geliebte Serie doch noch etwas zu spannend oder aber es kann eine ganz andere Ursache haben. Ein Entwicklungsschritt, der getan werden muss. Eine Ablösung, ein Konflikt. Oft ist es sinnvoll, da ein bisschen im Hinterkopf zu haben, was entwicklungspsychologisch vielleicht gerade ansteht. Zum Beispiel die Entwicklung der eigenen Identität, losgelöst von der Mutter. Sich groß und stark fühlen, geradezu allmächtig und gleichzeitig immer wieder schmerzhaft auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt werden. Wenn wir uns einfühlen, dann bekommen wir eine immer intensivere Beziehung zu unserem Kind und stärken es somit in seinem Sein. In seinen Ressourcen - und die helfen. Bei Rittern, Geistern, Räubern und Drachen. Und bei allzu hungrigen Katzen.



Wenn keine Lösung gefunden werden kann und die Träume schlimmer werden, dann hilft eine professionelle Begleitung. Jemand, der von Außen mit draufschauen und mit reinfühlen kann, was gerade los ist. Was so im Durcheinander in dem Kind ist. Es gibt Erziehungsberatungsstellen oder auch mich. Gern nimm bei Bedarf einen kostenlosen Kennenlerntermin mit mir in Anspruch.



Welche Erfahrungen hast du gemacht mit schlechten Träumen? Was hilft dir, was deinen Kindern? Schreib mir gern in die Kommentare oder eine E-Mail. Ich freue mich auf Austausch.


Gute Träume - Tags und Nachts

Eure Anna von luonnontaika