• Anna Hupe

Gegen die Erkrankung oder für die Gesundheit

Gestern, am 4.2.2020, war Weltkrebstag. Ich habe einige Posts der Solidarität auf facebook gesehen für alle, die in irgendeiner Form von Krebs betroffen sind. Als Patient, Angehörige oder Hinterbliebene. Ich finde toll, diesen Menschen unsere Solidarität auszusprechen. Es ist so wichtig, in einer Krise nicht allein zu sein. Zu spüren, ich werde getragen – von einer Gemeinschaft.


Doch was mich irritierte und schon immer irritiert hat, ist, dass der Begriff Krebs so oft im Zusammenhang mit Kämpfen benutzt wird. Gestern die Posts waren:


„Kämpft weiter! Für alle Kämpfer… Für alle, die gegen Krebs kämpfen…“


Das macht mich nachdenklich. Ich habe viele Jahre in der Onkologie gearbeitet, als Heilpädagogin und Kunsttherapeutin, mit Kindern und später mit Erwachsenen. Habe viel gesehen, erlebt, mit ausgehalten, begleitet. Ich bin nicht selbst betroffen. Aber ich weiß, was es heißt, eine chronische Erkrankung zu haben, die zwar nicht im schlimmsten Fall zum Tode, aber zur Erblindung führen kann. Und ich weiß von meiner Erkrankung her, wie wichtig es war, den Kampfmodus einzustellen. Nicht zu kämpfen gegen meine Erkrankung, gegen mein krankes Auge. Nicht damit beschäftigt zu sein, was ich alles nicht kann, was mir durch die Erkrankung nicht möglich ist, was mir zugemutet wird, was ich als ungerecht empfinde, was ich aushalten muss…

Nicht zu kämpfen gegen all dies, sondern zu schauen, wo will ich hin?


Ich will gesund werden, ich will sehen, ich will mein Leben genießen können MIT einer chronischen Erkrankung. Ich will mein Auge lieben, mich lieben, ganz – auch mit allen Entzündungszellen, die immer wieder aufblühen!

Ich habe gelernt, mein Auge zu lieben, nicht mehr zu kämpfen, sondern meine Krankheit als etwas, das zu mir gehört zu umarmen. Ich war gerade in der Kunsttherapie Ausbildung als meine Erkrankung besonders schlimm war. Eine Notfalloperation die nächste jagde, ein Rezidiv das andere. Entzündung, Cortison, Druckanstieg, Operation, Verschlimmerung der Entzündung, noch mehr Cortison, noch mehr Druck, OP… Es war ein Teufelskreis! Ich habe mir Papier und Stifte genommen und gemalt. Gemalt und gemalt. Ein Bild nach dem anderen, ohne Nachzudenken. Habe den Kampf gemalt, die Cortisonspritzen, die Betäubungsspritzen, ins Auge, hinters Auge in den Nerv, die Augentropfen, die Cremes, die Entzündungszellen, die wütend waren auf die ganze Unruhe im Auge, die Kammerwasserkanäle, die dicht machten, weil ihnen alles zu viel wurde, die Ärzte, die sich über die Medikation stritten, die Tabletten, die alle Energie aus meinem Körper ausschwemmten und unangenehme Nebenwirkungen hatten… Ich malte mein Auge, eingeklemmt in eine Schraubzwinge, die Spritzen von allen Seiten…


Und ich merkte: NEIN!

Mein ganzer Körper schrie NEIN!!!

So will ich das nicht!


Es ist mein Auge, es ist meine Erkrankung, es ist meine Verantwortung, wie ich damit umgehe und meine Entscheidung!


Und die Bilder veränderten sich und am Ende hatte ich mein Auge befreit von den Schraubzwingen, von

den Spritzen… Ich hatte es in ein Himmelbett gelegt. Mit einem schönen Himmel aus Efeuranken und duftenden Blumen. Auf eine weiche, warme Matratze.

Ein Ort zum Erholen, zum Auftanken, Ausruhen und sich Neu Ordnen.


Und damit kam für mich die Wende in meiner Erkrankung: Ich hatte aufgehört zu kämpfen. Ich hatte mich versöhnt mit meiner Erkrankung. Ich habe mein Auge nicht mehr als Bedrohung gesehen, als etwas, das nicht zu mir gehört und gegen das ich kämpfen muss, sondern als etwas, das sehr wohl zu mir gehört, etwas, das Pflege braucht, Aufmerksamkeit und Liebe. Und Frieden - Nicht Kampf. Wärme - nicht sterile Kälte. Zuneigung - nicht Abneigung!


Und ich begab mich mit meiner Erkrankung an der Hand auf eine Reise… Ließ mich leiten an die blinden Flecken in meinem Leben. Lernte, wirklich zu sehen! Mit einem Auge, das nach Innen und einem, das nach Außen gerichtet ist. Mir halfen die Bilder aus der Natur. Ich imaginierte einen Fluss, wenn ich meine drucksenkenden Augentropfen nahm, um meinem Auge und dem Kammerwasser zu helfen, wieder frei zu fließen. Ich malte bunte Blumenwiesen, grüne Flächen, Bäume, Wälder, so viel Gesundes Grün, um mein Auge daran zu erinnern, wie saftig und wunderbar Lebendigkeit ist… Später las ich in einem Buch, dass Hildegard von Bingen Augenkranke in die Natur setzte und ihnen so viel „grün“ als Farbe verordnete, wie möglich war.


Ich habe meinen Weg gefunden mit meiner Erkrankung und ich bin dankbar, dass ich sie habe. Sie hat mich so viel gelehrt über mich und das Leben.

Ich will nicht wissen, wo ich wäre, wenn ich im Kampfmodus geblieben wäre… Vielleicht hätte ich mein Auge nicht mehr. Wahrscheinlich… Und mein Leben wäre – ob mit oder ohne Auge – ein deutlich anderes.

Nicht so tief, nicht so bunt.


Ich wünsche allen Menschen mit einer Erkrankung, und besonders anlässlich des gestrigen Weltkrebstages, allen Menschen mit einer Krebserkrankung, den Mut, sich ihrer Erkrankung zu stellen: All den Schmerzen, die damit verbunden sind, den Ängsten, den Zweifeln, den Schuldgefühlen, der Wut, der Ohnmacht, der Trauer… und dass sie die Erkrankung für sich als etwas nehmen können, was zu ihnen gehört. Was verdammt noch mal leider gerade in eine ganz falsche Richtung läuft, aber zu ihnen gehört. Ein Teil von ihnen ist, gegen den sie nicht kämpfen sollten, sondern den sie liebevoll umarmen sollten. Lauschen sollten, was er ihnen vielleicht sogar sagen will… Ihn wieder daran erinnern sollten, wie Gesundsein geht, wie gesundes Wachstum geht…

Alle Zellen eures Körpers, ob krank oder gesund, sie gehören zu euch!


Und ich wünsche allen Menschen mit einer Erkrankung andere Menschen an ihrer Seite, die mit aushalten, die nicht „Durchhalteparolen“ durchgeben und zum „Kampf“ aufrufen, sondern die Stille aushalten können. Schweigen, da wo der Schmerz, die Angst so tief sitzt, dass es keine Worte dafür gibt. Die Tränen aushalten können und vielleicht auch ihre Tränen zulassen, statt zu sagen: „du musst jetzt stark sein! Du darfst nicht aufgeben, keine Schwäche zeigen!“


Die mitlachen, auch wenn die Situation grotesk erscheinen mag „Tumor ist, wenn man trotzdem lacht“, sagte mal eine Patientin zu mir... und wir mussten beide lachen.


Menschen, die die Ohnmacht mit aushalten, die des Betroffenen und die eigene. Die mit aushalten, wenn die Erkrankung ganz elendig wird, die Betroffenen von den Nebenwirkungen der Medikamente gebeutelt werden und nicht schnell darüber hinweggehen mit voreiligem Trost: „Morgen siehts schon besser aus…“ sondern einfach die Brechschale halten und ausleeren. Für den Betroffenen da sind!

Menschen, die ganz ehrlich sind. Die offen sind und nicht rumeiern. Die zu ihrer Unsicherheit stehen! Die geradeheraus fragen und Hilfe anbieten. Die sich nicht winden in der Sorge, etwas Falsches zu sagen, oder in der Angst, überhaupt das Thema anzurühren und deswegen schweigen oder sich abwenden.

Oft ist die Angst der Angehörigen mindestens ebenso groß wie die der Betroffenen. Sprecht darüber, seid ehrlich miteinander. Haltet es aus – geht miteinander dadurch!

Die Angst kann euch keiner nehmen, elholt sie aus dem Dunkeln des Schweigens und nehmt sie in eure Mitte!


Und auch allen Angehörigen wünsche ich solche Menschen, die einfach für sie da sind!


Kleine Gesten, ein Lächeln, ein Nicken, eine Umarmung, Blumen, ein Spaziergang, einfach nur zuhören…

...das hilft so viel mehr als noch so gutgemeinte Kampfparolen.


Ich denke an euch und schenke euch ein großes Herz für all das, was ihr gerade schaffen müsst oder schon geschafft habt!


Eure Anna 🌿